Live-Reviews

Anthrax, Motörhead

21.10.2002, Offenbach, Stadthalle

Von der ersten, überraschend noch als dritte Gruppe hinzugekommenen Vorgruppe, einer lokalen Band aus dem Raum Offenbach, von der auch keinerlei Werbung irgendwo aushing, die kurz nach 20:00 Uhr auf die Bretter stieg und teilweise stark deutschpunklastiges Zeug brachte, habe ich nicht viel mitbekommen, da sie a) nur recht kurz spielte, ich mich b) zunächst erst einmal (nachdem ich die Halle betreten hatte) gemütlich zur Getränketheke begab um etwas zu trinken und c) als ich in die Halle kam, der nur noch knapp zehn Minuten andauernde Set also fast schon wieder vorbei gewesen ist.

Setlist:
  1. Caught In A Mosh
  2. Among The Living
  3. Take It To My Head
  4. Inside Out
  5. One Chance To Believe In
  6. Super Hero
  7. Antisocial!
  8. Indians
  9. Bring The Noise

Als mit Anthrax dann so etwa gegen 21:00 Uhr die Bühne enterten und die ersten Klänge zu Among the Living ertönten, war ich wie viele andere vor, hinter und neben mir, plötzlich hellwach! Die Halle hatte sich zu diesem Zeitpunkt vielleicht gerade mal zu knapp dreiviertel-Kapazität mit Leuten gefüllt, doch das gab sich schon bald, spätestens beim dritten Anthrax-Stück. Im Laufe des Sets trudelten die Fans langsam aber sicher ein, um einen Set zu bewundern, der die Old-Shool-Speedster Anthrax von der allerbesten Seite zeigte. Anthrax wurde dem Trio von der Insel ein wirklich erstklassiger »Opener« zur Seite gestellt, der seine nicht gerade leichte Aufgabe mit Bravour meisterte, wie sich bereits bei den ersten Stücken herausstellte. Ultraspeedig mit Among The Living in den Set einsteigend und gleich Caught In A Mosh hinterherschiebend, ließen sich Anthrax gar nicht erst lange lumpen und schöpften aus dem Vollen. Die Fans dankten es ihnen und die Band spielte von Beginn an locker auf. Alte »Kracher« wurden ebenso wie das neuere Material prächtig von den Fans aufgenommen. Dass Anthrax nach wie vor noch immer zahlreiche Fans hier in Deutschland haben, ließ sich anhand der Reaktionen ausmachen, welche die fünf Amerikaner von Beginn an frenetisch abfeierten. Bestes Beispiel hierfür die Ansage von Scott Ian, der erstaunt dreinblickend und anschließend mit gespieltem Ernst in die Runde fragte: »Is that really Heavy Metal? Is it Heavy Metal or what is it?« Die Antwort zahlreicher in die Luft gereckter Hände bestätigte es: Anthrax sind nach wie vor in der Lage, lupenreinen Speedmetal zu bringen, wie er klingen muss: treibend schnell, präzise, mörderisch groovig, extrem rifflastig und auf den Punkt gespielt, wobei natürlich auch die hyperschnellen Leadgitarrensoli nicht fehlen durften!
Die Truppe um Sänger John Bush, Bassist Frank Bello und Gitarrist Scott Ian präsentierte sich in bester Laune und spielte streckenweise sehr schnell, wie in alten Zeiten. Drummer Charlie Benantes kraftvolles Drumming komplettierte diesen fetten Gig!
Ähnlich wie auch bei Motörhead liess der Fünfer nie den leisesten Verdacht aufkommen, dass man es hier mit einer gänzlich anderen Gruppe zu tun hätte: ganz im Gegenteil. Anthrax wirkten reifer und abgeklärter als in ihren früheren Tagen und technisch so, als hätten sie nie etwas anderes getan als stark rifforientierten, hochklassigen Speedmetal zu spielen! Dass die lustige Ami-Truppe gern nach Offenbach kommt, zeigte sich auch an diesem Abend einmal mehr! Bester Laune und hervorragend eingestellt gab sich die Band während ihres gesamten gut dreiviertelstündigen Sets. Die neuen Stücke standen den alten in nichts nach. Antisocial, das aus voller Kehle mitgegröhlt wurde und Indians bei dem die Fans moshten, als ginge es wie beim Opener Caught In A Mosh oder dem wie eh und jeh superben Among The Living um ihr Leben, erwiesen sich einmal mehr als absolute Höhepunkte der Combo.
Anthrax präsentierten sich als würdiger Anheizer für Motörhead, sie brachten die Stimmung in der Offenbacher Stadthalle bereits mächtig zum brodeln, ehe es anschließend dem Headliner selbst vorbehalten blieb, die Offenbacher Stadthalle gänzlich zum Toben zu bringen! Nach diesem Gig bleibt festzuhalten: Aufgabe prima gelöst!

Spätestens beim Headliner hatte sich die Halle mit knapp 2000 Leuten endlich gut gefüllt. Gegenüber dem nicht so ganz glücklichen Wacken-Auftritt wurden Motörhead ihrem Ruf als gnadenloser Live-Act an diesem Abend mehr als gerecht. Sie kamen, sahen und siegten oder sollte man besser schreiben »killten«?! Das Trio hinterlies vom Start weg einen super Eindruck, da es sich schon gleich von Konzertbeginn an bis in die Haarspitzen motiviert gab. In der Mitte hatte sich gleich zu den ersten Takten ein riesiger Moshpit gebildet. Es ging von Anfang an heftigst zur Sache, die Leute fielen reihenweise um, pogten und schubsten sich wie die Berserker, die ganze Halle stand nicht nur Kopf, nein, sie tobte!
Es gab sehr viele positive Überraschungen an diesem Abend. Die erste gleich zu Beginn: die Setlist wurde komplett umgestellt. Man hat aus dem letzten Jahr hinzugelernt und einen ganzen Zacken zugelegt! Lemmys erste Worte als er die Bühne betrat waren: »Guten Abend, Wir sind Motörhead und wir spielen Rock 'n' Roll!«. Mit diesem extra für die deutschen Fans in der Muttersprache gehaltenen Satz hatte der alte Barde den richtigen Ton beim fanatischen Publikum getroffen. Mit »We Are Motörhead« wurde sogleich fulminant durchgestartet. Das unverwüstliche, bei jedem Motörhead-Gig gebrachte Metropolis durfte ebensowenig fehlen, wie Orgasmatron, Iron Fist, oder No Class. Völlig unerwartet kamen hingegen Stücke wie Damage Case (vom Overkill Album) oder Built For Speed und Doctor Rock aus der Orgasmatron-Phase der Band zum Zuge! Die Sex-Pistols-Coverversion God Save The Queen, Civil War sowie Brave New World oder Breaking Your Bones vom aktuellen neuen Album Hammered fügten sich nahtlos in einen ausnahmslos hochklassigen Set ein.
Gitarrist Phil Campell spielte an diesem Abend mit seiner Klampfe so ziemlich alles in Grund und Boden, der Mann agierte für zwei. Megalange kaum enden wollende Leadgitarrensoli bis zum Abwinken, treibend wuchtige Gitarrenriffs, eingebettet in einen schon beinahe als abnorm zu beschreibenden klaren, fetten Sound, dazu das tighte, kraftvolle Schlagzeugspiel von Drummer-As Micky Dee und natürlich Lemmis unverwechselbares Reibeisenorgan sowie sein einzigartiger Rickenbacker-Bass knallten, dass es eine Augenweide für jeden eingefleischten Motörhead-Fan war! »Good old« Lemmi präsentierte sich top bei Stimme, sein Basspiel kam schnell und groovig, wobei er sich nicht nehmen ließ, einige Bassriffs einzubauen (ja, auch das gibt's)! Der Motörhead-Kopf dankte mehrfach seinen treuen deutschen Fans, hielt den Daumen hoch, lächelte hochzufrieden und beteuerte wieder einmal, das Motörhead am liebsten in Deutschland spielen. Die nächste Überraschung kündigte sich mit dem Stück Ramones an, als Lemmi einige Worte an die Fans bezüglich des Todes von Joey und Dee Dee Ramone richtete, um seinen großen Idolen, den Ramones zu huldigen und anschließend mit seinen beiden Mitstreitern in einer fulminanten Version folgerichtig das Stück Ramones zum Besten gab. Going To Brazil wurde wie alle Stücke des Abends frenetisch abgefeiert, die Stimmung in der Offenbacher Stadthalle war unbeschreiblich! Stagediven, Pogen, Moshen, Slammen, bis zum Anschlag bangen - die Fans klinkten schaarenweise aus.
Wenn es eine Combo gibt, die selbst dem Satan Feuer unterm Hintern machen würde, lautet ihr Name gewiss: Motörhead! So geschehen bei diesem denkwürdigen Gig am 21.10.02 in der Offenbacher Stadthalle, der mir noch lange in guter Erinnerung bleiben wird. Was dann jedoch geschah, ist unglaublich. Während des Gigs wurde der legendäre »Bomber« kurz vor dem Ende passend zum gleichnamigen Stück reaktiviert. Der über den Köpfen der Fans nach vorn, hinten, rechts und links rotierende schwebende, (mit Motorengeräuschen und Sirenengeheul unterlegte) Bomber ließ reihenweise verblüfft nach oben schauende Gesichter erkennen und nostalgische Erinnerungen an die früheren Glanzzeiten der Band (die definitiv nicht vorbei sind, wie dieses Konzert gezeigt hat) aufleben, als das gute Stück ein unumgängliches Muss eines jeden Motörhead-Konzertes gewesen ist.
Motörhead haben damit nicht nur ihre Originalität (aufrecht) erhalten, nein sie haben wieder zu ihr zurückgefunden. So exzellent Arsch getreten, wie an diesem Tag hat die Band schon lange nicht mehr! Bomber, Ace Of Spades und Overkill, die in herrlich verlängerten Versionen mächtig hämmernd, voll auf die Glocke gehend, extrem heavy, schnell und trotzdem groovig bis zum Umfallen dargeboten wurden, bildeten wie immer den umjubelten Zugabeteil für die ultimative Vollbedienung!
Cola ist light, Limb Bizquit ist light, MTV-Pop ist light, doch spätestens immer dann, wenn ein gigantisches Warpig mit drei eisernen Totenkopf-Ringen irgendwo in weiter Ferne am Horizont erscheint, werden alle schrecklichen Alpträume wahr, die zahlreiche Anhänger übelster Kommerztrendreiterei sowie die Poserfraktion schon seit über fünfundzwanzig Jahren erfolgreich plagen: Motörhead sind zurück, um mit der Wucht einer gigantischen Stahlwalze die gesamte künstlich softe, laue Pseudo-Grütze, die uns täglich umgibt, weg zu schieben! Rock 'n' Roll kommt aus dem Bauch heraus und nicht vom Band. Keine Keyboards, keine Samples, keine übertriebenen Bombast-Spielereien, keine Markus Kavkas (inclusive Konsorten) und keine Red Hot Chili Peppers. Bei diesem Konzert wurde einmal mehr die Bühne gründlich in Schutt und Asche gelegt, dass es eine wahre Freude gewesen ist! Die Gralshüter des harten Rocks haben ein weiteres Mal eindrucksvoll bewiesen, wer schon seit über zwanzig Jahren zu recht ungeschlagen auf dem Hardrock-Thron sitzt. Gitarrist Phil Campell glänzte mit zahlreichen fantastischen Leadgitarrensoli und zeigte sich derart beweglich, wobei er immer wieder von links nach rechts sowie umgekehrt über die Bühne rannte und den Fans das verabreichte, was sie am allermeisten brauchten: die volle Gitarrendröhnung! Einhundertzehn Prozent Stageacting pur, so kennen und lieben eingefleischte Motörhead-Fans ihre Band!
Lemmi gab an diesem Abend alles, er holte buchstäblich das Letzte aus sich heraus und Drummer Micky Dee bearbeitete Becken und Felle, dass es nur so krachte! Ehrlich, dreckig, laut (bei klarem Sound), kompromisslos fett und rotzig bis zum Abwinken, das sind Motörhead! Auch der Verfasser dieser Zeilen hat jede einzelne Note des Gigs genossen.
Vergesst Manowar, die zwar live ebenfalls gut sind, allerdings in punkto Power gegen Lemmi, Phil und Micky in Topform unterm Strich weg klar den Kürzeren ziehen! Die lauteste und dreckigste Band auf unserem Planeten, daran werden Manowar auch in diesem Jahrhundert nichts mehr ändern, heißt nach wie vor eindeutig Motörhead! Punkt, aus, Ende!
Es gibt kein Trio, das annähernd einen derart qualitativ hochwertigen, schweren Gitarren-Rock 'n' Roll produzieren kann, der voll auf die Zwölf gehend, stets mit zahlreichen erstklassigen unnachahmlichen Melodien versehen, zu überzeugen weiß. Bleibt nur zu hoffen, dass dieses legendäre Trio, das zu den wenigen einzigartigen Institutionen des harten Rocks gehört, der Hard 'n' Heavy-Szene noch eine ganz lange Zeit erhalten bleibt. Motörhead sind nahezu einmalig und werden es immer bleiben. Der Stil des Trios ist nicht kopierbar, diese Band bleibt nach wie vor unerreicht. Hardrock bzw. Heavy-Metal, muß laut, rebellisch, rotzig, roh und ungekünstelt klingen, quasi gnadenlos voll auf's Maul hauen, das man mit jeder einzelnen Note, sprich jedem Ton im Boden zu versinken droht, sonst wäre es kein Heavy-Metal, sondern schlichtweg Schrott. In diesem Sinne: Don't forget: Motörhead!
Fazit: Restlos überzeugend! Insgesamt gesehen, ein Package, das sich wirklich gelohnt hat.

Toschi

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CD/DVD-Reviews:

CD-Review: Motörhead - Kiss Of Death
DVD-Review: Motörhead - Stage Fright
CD-Review: Motörhead - Inferno
CD-Review: Motörhead - Live At Brixton Academy
CD-Review: Motörhead - Hammered

Live-Reviews:

04.07.2003 bis 06.07.2003: With Full Force X (Roitzschjora, Flugplatz)
05.06.2007 bis 09.06.2007: Swedenrock-Festival (Sölvesborg (S))
03.08.2006 bis 05.08.2006: 17. Wacken Open Air (Wacken)
24.06.2005 bis 25.06.2005: Bang Your Head-Festival (Balingen)
05.08.2004 bis 07.08.2004: 15. Wacken Open Air (Wacken)
02.08.2001 bis 04.08.2001: Wacken Open Air 2001 (Wacken)


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