Live-Reviews

4. Masters Of Cassel-Festival

25.12.2008, Kassel, Nachthallen

Zunächst mal glücklich, dass wir heute überraschenderweise doch nicht wie zunächst von uns befürchtet die Bahn nehmen müssen, reisen ein Freund und ich mit dem Auto nach Kassel, um fast pünktlich den Weg ins MT zu den Nachthallen finden. Zu früher Abendzeit ist noch recht wenig los, weshalb wir uns gleich den Platz am runden Tisch sichern, der Gang zur Theke folgt, das erste Getränk wird bestellt.
Die vierte Auflage des mittlerweile längst etablierten Events bietet ein interessantes, vor allem bunt gemischtes Billing, wie man es nur selten auf einem Festival dieser Größenordnung zu sehen bekommt, weshalb der Eintrittspreis von zehn Patten recht günstig und definitiv nicht zu viel verlangt ist. Wer anders denkt, sollte sich mal umschauen, wo es ähnliche Festivals gibt, die zum Ersten durch ein solches Billing bestechen und zum Zweiten für einen solch günstigen Eintrittspreis zu besuchen sind.
Des Weiteren ist es auch wie immer die entspannte Atmosphäre zwischen Fans und Musikern, die für angenehme Gespräche in geselliger Runde sorgt. Ein weiterer Grund, weshalb dieses eine Mal im Jahr an einem der beiden Weihnachtsfeiertage (meistens am 25. Dezember) stattfindende Festival für die gesamte nordhessische (einschließlich auch der Kasseler Metalszene selbst) geradezu unentbehrlich ist.
Wie immer hat das Veranstalterteam keinerlei Mühen gescheut, einen Konzertabend auf die Beine zu stellen, der es Fans und Musikern gleichermaßen ermöglichen soll, neue Erfahrungen zu sammeln, alte Bekanntschaften aufrecht zu erhalten, verbunden mit der Chance, viel Interessantes mitzunehmen, das man in dieser Form so nicht überall geboten bekommt.
Überraschungen dürfen gerade zu Weihnachten nicht fehlen. Im Sinne des zur Tradition gewordenen (oder verkommenen?) Usus bekommen die ersten 50 Besucher ein fettes Weihnachtspaket mit CDs und anderen diversen Appetithäppchen für lau oben drauf. Davon einmal abgesehen, allein schon die Maßnahme, Kissin’ Time mal wieder ins M.T. zu holen, ist auch ohne solcherlei Zugaben locker die Reise nach Kassel wert. Ergo: You wanted the best – You ‘ve got the Best! Der Traditionspflege ehrenhalber bitte einmal headbangend um den Weihnachtsbaum laufen ...

Southern Discomfort haben bereits angefangen und wir die erste Hälfte des Sets verpasst. Immerhin bekommen Danny und ich zumindest noch die zweite Hälfte der Songs mit. Southern Discomfort spielen wie der Name schon sagt, eine fett rockende, gnadenlos ehrlich, zentnerschwere, direkt in die Magengrube hauende Mischung aus dreckigem Hard-, Biker- und Southernbluesrock im Düstergewand mit Stonerklängen Marke Kjuss vermischt, die sich vor allem an moderneren Kapellen wie Down oder Crowbar orientiert.
Laut, schleppend langsam, zähflüssig wie brodelnde Lava und bedrohlich kommt das schräge Gebräu der Vier aus den Verstärkern, dem zumindest einige Leutchens vor der Bühne staunend lauschen. Der Rezensent findet ebenfalls schnell Gefallen an Southern Discomfort. Fronter Dave ist ständig bemüht, das Publikum kräftig zum Abgehen zu bewegen, was allerdings nur schwer gelingt. An der Musik kann’s wohl kaum liegen, die sowohl sound- als auch spieltechnisch überaus passabel dargeboten wird.
Immerhin ernten Southern Discomfort staunende Blicke aus der am rechten Bühnenrand postierten Traube neugieriger Besucher plus etwas Höflichkeitsapplaus, das war’s dann allerdings auch schon und der Vierer darf die Bretter verlassen.

Anschließend sind Taste Of Doom an der Reihe. Die Waldhessener Thrasher sind seit fünf Jahren dabei. Entgegen der namentlichen Ausrichtung klingt diese Truppe alles andere als doomig; stattdessen eher wie eine thrashige Variante in der Schnittmenge aus Metallica trifft Sodom bzw. Kreator. Prima, dass es noch Musiker gibt, die in Kutte gekleidet auf die Bühne gehen, um den wahren Geist des unverfälschten Heavy Metals aufrecht zu erhalten. Damit wird sogleich mal ein optisches Ausrufezeichen gesetzt. Das nächste, um so schwer (ge)wichtigere folgt mit dem Anti-Rechts-Statement »Good Night, White Pride« und der mutigen Ansage von Fronter Bjoern, der in aller Form betont, dass man kein rechtes Volk in der Metal-Szene haben will, während spontan eine weitere Überraschung aus dem Köfferchen geholt wird, wodurch dem rechten Lager mit Ansage dieses Songs gleich mal eine deutliche Absage in Kassel erteilt wird. Lobenswerte Aktion, die berechtigtermaßen für dankbaren Beifall im Publikum sorgt.
Spielfreude, Rhythmus-, Tempowechsel und Stageacting stimmen. Shouter Bjoern schreit sich die Seele aus dem Leib. Schade nur, dass sich im vorderen Bühnenbereich während des Taste Of Doom-Sets noch immer zu wenig tut. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Taste Of Doom innerhalb der verbleibenden, stark begrenzten Spielzeit alles geben.
Die Band prügelt sich mit einem halben Dutzend Eigenkompositionen wie »I Will Kill You« direkt, geradlinig und brutal durch ihren Set, bis der Schweiß unter der Kutte aus den Poren quillt. Trotz aller vorhandenen Bemühungen die man ihnen hoch anrechnen muss, will der entscheidende Funke, bis auf zwei vereinzelte Headbanger und eine knappe Handvoll im Takt wippender Besucher (während der lauschende Rest gerade mal regungslos den Blick zur Bühne schweifen lässt), zumindest heute irgendwie kaum überspringen, was möglicherweise an der noch recht frühen Abendzeit liegen kann, da sich die Nachthallen erst gegen 19:00 Uhr allmählich füllen.
Zumindest ist das Volk in den Nachthallen nun allmählich wach, womit die Jungs ihre Aufgabe auf jeden Fall ordentlich gelöst haben, weshalb auch Taste Of Doom verdienten Beifall bekommen. Zeit für einen Halbliter Krug Milch, ehe es in die nächste Runde geht.

Bei Reaper füllt sich der Raum im vorderen und hinteren Bereich beträchtlich. Auf der großen Nachthallentanzfläche finden sich zunehmend Leute ein. Reaper können mit ihrer Mischung aus klassischem Heavy Metal/Powerspeed locker aus dem Vollen schöpfen. Die gut aufgelegte Band wirft einige wohlbekannte Klassiker ins Publikum, die wie immer dankbar von den Fans aufgenommen werden.
Gitarrist Daniel kommt fröhlich gelaunt mit Stirnband auf die Bühne, fängt unbeschwert an zu solieren was die Klampfe hergibt, ehe das Riffing folgt, wobei das Publikum gleich vom ersten Takt an mitgeht als wäre es heute abend das selbstverständlichste auf der Welt. Kein Wunder, wenn die Band auf der Bühne Reaper heißt! Perlen wie »High On A Mountain«, »Fields Of Joy« oder »Praise Of The Morning Star« lassen die Herzen der klassischen Metalfancommunity gleich zahlreiche Taktfrequenzen höher schlagen.
Dem Slo-Mo-Doom-Cover von »Breaking The Law«, das von den Fans lauthals mitgesungen wird, kann sich sowieso kein waschechter Metalhead entziehen. Das bewusst spezifisch unorthodox veredelte Stück fällt wie immer völlig aus dem Rahmen. Ein Sahneschnittchen, das längst zu den Insider-Klassikern der nordhessischen Metallandschaft gehört.
Dementsprechend wird es lauthals im Chor von den Fans mitgesungen, während die »Reaper-Manie« zumindest in Kassel mal wieder keine Grenzen kennt! Passend zum Abschluss kommt beinahe erwartungsgemäß die Oldshool-Hymne »Lucifer’s Rising« zu Ehren. Reaper sind ihrem Ruf als exzellente Liveband wie immer gerecht geworden.
Anschließend verlassen die vier Musiker unter starkem Applaus, minutenlangen Zugaberufen und von den Fans lauthals skandierten Reaper, Reaper!-Sprechchören mit einem zufriedenen Grinsen die Bühne.

My Cold Embrace spielen sich vor zahlreich versammelter Kulisse gewaltig den Arsch ab, der Sound stimmt, die Motivation ebenfalls, wunderschön kompromisslos, geradlinig voll auf die Zwölf, gibt der Fünfer ohne viel Federlesens mächtig Gas, bis nichts mehr geht. Gut, dass trotz personeller Umbesetzung an Gitarre und Gesang bei M.C.E. alles wie gewohnt läuft.
Die Band gibt sich gewohnt spielfreudig und zieht dank ihres schwedisch beeinflussten Stils eine gute Anzahl von Leuten vor die Bühne. Damit wäre eigentlich auch bei M.C.E. so ziemlich alles im grünen Bereich. Eigentlich ... statt mitzugehen, steht der Großteil des Publikums kurioserweise nur seltsam glotzend in der Gegend herum oder wippt per Fuß im Takt mit.
Zwar bekommen M.C.E. völlig zu Recht verdientermaßen Beifall seitens ihrer nicht gerade kleinen Anhängerschaft, doch wird das positive Gesamtbild in den Kasseler Nachthallen von einer doch etwas nachdenklich machenden Tatsache getrübt: Wo bleibt der fällige Moshpit??? Das wäre das Sahnehäubchen gewesen. Dementsprechend tut sich bei aller Liebe zum gebotenen Material der in komplett einheitlich roten T-Shirts über die Bretter stürmenden Deathmetaller (coole Idee!) trotz leidenschaftlich hingebungsvoller Performance und zahlreicher Anhängerschaft für M.C.E. Verhältnisse gelinde ausgedrückt, recht wenig, obwohl es gerade die Band, deren Sound für heftige Moshpits geradezu prädestiniert scheint, vielleicht mit am meisten verdient hätte.
Trotz diverser heraushörbarer Einflüsse gewinnt man als Beobachter während eines M.C.E.-Gigs dennoch den Eindruck, dass bei Live-Auftritten des Fünfers selbst im verschlafensten Winkel Nordhessens der Deathmetal-Underground zum Leben erwacht. Kompromisslos ehrlich wie so oft, auch ohne den erhofften Moshpit!

Sichtlich unbeeindruckt vom Auftritt der (laut eigener Prämisse) »nicht therapierbaren« Frankfurter Oldshool-Nothingcore-Funpunks A.O.K., die einen schrägen, von diversen skurillen, bis zum Erbrechen überflüssigen Ansagen und Gags begleiteten Set hinlegen, zeigen sich Burden Of Grief . Spätestens seit Erscheinen ihres aktuellen Longplayers »Death End Road« haben die Warburger Deathmetaller den wichtigen Brückenschlag vollzogen, sich vom früheren Undergroundact seit geraumer Zeit schrittweise zu einer der besten, nunmehr solidesten Todesbleicombos hierzulande entwickelt, die in punkto Livepräsenz längst keine Konkurrenz mehr fürchten muss.
Der Fünfer entpuppt sich neben den später im Laufe des Abends auftretenden Kissin´ Time vor zahlreich in den Nachthallen versammelter Fankulisse live on stage als Topabräumer des Abends auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
Zeitlich günstig im Billing platziert, geben Burden Of Grief eine bärenstarke Vorstellung in den Nachthallen! Die Gitarrenfraktion in Person von Johannes und Philipp sägt, groovt und bangt, was Langhölzer und Matten hergeben, die Rhythmussektion mit Florian am Bass und Drummer Robb schafft ein atmosphärisch dichtes Fundament, Neuzugang Robb bearbeitet seine »Schießbude« mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks), während Shouter Mike ständig in Bewegung das Publikum anfeuernd, über die Bretter tobt und alles rausholt, was die Stimmbänder hergeben, unterstützt vom hoch motivierten, bis zum letzten Ton euphorisch mitgehenden Pulk.
Die gesamte Band gönnt weder sich, noch dem Publikum die geringste Pause, sondern liefert stattdessen einen derart mitreißenden Gig auf dem vierten MoC-Festival, dass es viele Besucher schlagartig von der Theke bis in den vorderen Bühnenbereich zieht!
Selbst am und im Bereich der großen Rundtheke der Kasseler Nachthallen sind zahlreiche Augenpaare auf eine Band gerichtet, deren Timing auf der Bühne hundertprozentig stimmt. Egal, welches Stück der Setlist gebracht wird: (»Swallow The Sun«, »The Killer In Me«, »The Nightmare Within« ... - Burden Of Grief legen einen sensationell fetten Auftritt hin, der die Bretter der Nachthallen zum Beben bringt! Eine Vorstellung, die eigentlich per Video hätte dokumentiert werden müssen.
Vierzig Minuten Burden Of Grief bedeuten vierzig Minuten reine Deathmetalenergie einschließlich kompakter Melodien non Stop am Stück, ohne Verschnaufpause und erst recht keine Gefangenen! Kompromisslos bis zum Schluss fahren Burden Of Grief eine mächtig brutale, überraschend glasklare Soundwand, die ausnahmslos alles überrollt, was nicht rechtzeitig bei drei auf den Bäumen ist.
Der komplette Verlauf des Gigs spricht Bände: Permanentes Stageacting einer super aufgelegten Band, die traumhaft sicher an den Instrumenten fungiert, wie ein Orkan über die Bretter wirbelt, sich als prima aufeinander abgestimmte Einheit präsentiert, dabei nichts als verbrannte Asche vor einem frenetisch mitgehenden Publikum hinterlässt, das den Deathmetal-Fünfer triumphal abfeiert als hätte man gerade soeben eine Meisterschaft gewonnen!
Das kraftvoll in die Saiten langende Gitarrenduo brilliert mit sauberen Riffs und feinen Soloeinlagen. Bass, Gesang und Schlagzeug lassen ebenfalls kaum den geringsten Wunsch offen. Nicht wenige geraten an diesem Abend mächtig ins Staunen oder Bangen bis zur völligen Erschöpfung.
Alle Verstärker qualmen, wohin man auch blickt - endlich werden zahlreiche Matten bis zum äußersten Anschlag geschwungen, bis die Pupillen zum Stillstand kommen! Welch herrliches Bild, wenn überall Haare fliegen, während das Ambiente, der Ort des Geschehens einem Hexenkessel gleicht: Eine phantastisch aufspielende Band, die bis zur Ekstase ausklinkende Fanschar und kurz vor Schluss noch eine satte Coverversion des alten Metallica-Gassenhauers »The Four Horsemen« – sorgen für reichlich Atmosphäre. Feine Sache, und das alles im druckvoll fett abgemischtem Soundgewand, wofür dem zuständigen Mischer hinterm Reglerpult anerkennenderweise ein ganz besonders dickes Lob gebührt. Klasse!
Dieser Killer-Gig hat eindrucksvoll belegt, warum Burden Of Grief völlig zu Recht die vielleicht beste nordhessische Deathmetalformation sind. Generalprobe bestanden! Sahnig eingestimmt, sehe ich dem Rest des Abends relaxt entgegen.

Die Belgier In Quest waren bereits für 2007 gebucht, mussten den Veranstaltern allerdings in letzter Minute eine Absage erteilen. Dem erneuten Ruf der MoC-Veranstalter Rechnung tragend, holt der als Co.-Headliner des Billings gebuchte belgische Progressiv-Deathmetal-Fünfer den bedauerlicherweise kurzfristig ins Wasser gefallenen Gig zum Jahresausklang ordnungsgemäß nach.
Rein optisch gesehen, ist die Band mit ihren fülligen, Arsch langen, häufig munter im Takt beim Propellerheadbanging rotierenden Mähnen live on Stage ohnehin ein echter Hingucker der (bis auf den später in voller Original-Kostümierung erscheinenden Headliner Kissin´ Time) viele neugierige Blicke des Nachthallenpublikums auf sich zieht.
In Quest präsentieren sich spieltechnisch in jeder Hinsicht als sicher harmonierende Einheit auf der Bühne. Soundmäßig bedingte Schwankungen und das größtenteils mitunter sehr anspruchsvoll arrangierte, komplexe Material des Fünfers erschweren einem größeren Teil des Nachthallenvölkchens die Entscheidung, bis zum Schluss vor der Bühne auszuharren, weshalb das Zuschauerbarometer trotz recht solider Darbietung von In Quest infolge dessen zumindest während der letzten Viertelstunde ganz abrupt noch ein wenig nach unten sinkt.

Dieser Zustand bessert sich spätestens mit der danach folgenden, vierköpfigen Kasseler Formation um Längen, die gleichzeitig als Europas beste Kiss-Coverband gilt: Kissin´ Time – deren Bekanntheitsgrad den großen Vorbildern scheinbar kaum nachsteht. Wie lässt sich sonst erklären, dass sich nach Mitternacht beinahe überall in jeder Ecke Leutchens versammelt haben, die sich Kissin´ Time ansehen wollen, möglicherweise vielleicht auch extra nur wegen dieser Band ins MT gekommen sind. (Ok, letzteres ist rein spekulativer Natur.)
Das Kissin´ Time nicht von ungefähr ein superber Liveact sind, belegen die vier Musiker eindrucksvoll in den Kasseler Nachthallen, wie schon auf der letztes Jahr zu Ende gegangenen Tour, als man im Vorprogramm von Deutschlands Metalaushängeschild Doro Pesch bestens motiviert die Bühne rockte und dabei Abend für Abend ein sprachloses Publikum hinterließ.
Welchem waschechten Kiss-Fan sind Gene Simmons, Paul Stanley, Ace Frehley und Eric Carr kein Begriff? Diese vier Herren haben zweifellos (Hard)Rockgeschichte geschrieben, ähnlich wie der legendäre Led Zeppelin-Vierer Jimmi Page, Robert Plant, John Bonham und John Paul Jones. Zwei Quartetts, denen die ganze Rockwelt zu Füßen liegt! Erstere traten im provokativen Schock-Rock-Outfit mit spektakulärer Bühnenshow ihren weltweiten Siegeszug an, letztere gewannen die westliche Welt durch revolutionäre Texte und harte Musik für sich.
Wie viele andere habe ich lange darauf warten müssen, endlich auch einmal den Wahnsinn mit Methode in Person live und aus direkter Nähe mitzuerleben, dessen Name so gut wie alles sagt: Kissin´ Time! Das ist gefühlter Rock 'n' Roll-Spirit plus aller erdenkbar gängigen Klischees, ohne die unsere heiß und innig geliebte Musiklandschaft um so vieles ärmer wäre.
Folks, - There's a Party! Let's Rock, let's roll and let's groove! Yeah, let it be Kissin´ Time!
»Seid ihr noch gut drauf?« Lautet folgerichtig auch sogleich die erste Frage der Band ans erwartungsvoll gespannt dreinblickende Auditorium und ab geht die Party. Kissin´ Time bringen mit dem optimal gewählten Opener »Strutter« auf Anhieb mächtig Stimmung ins bunt gemischte Publikum, anschließend zelebrieren sie den »New York Groove«, bis es mit »I Was Made For Loving You«, »Creatures Of The Night«, »Love Gun« und »Lick It Up« weitergeht, ehe die unverzichtbare Kultballade »Beth« wehmütige Erinnerungen im Publikum weckt.
Eine Feuerspuckeinlage, diverse Pyroeffekte, das Kunstblut zu »God Of Thunder« fließt ebenfalls, ein selbst gezimmertes Gitarrenregal mit diversen von ihren Vorbildern während ihrer Gigs benutzten Original-Äxten der Kiss-Historie, die im Rahmen der gesamten Bühnen-Show wechselweise zum Einsatz kommen, weckt oft reihenweise sehnsüchtige Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Ebenso das nahezu perfekte Synchronposing der Musiker.
Wenn gestandene Rocker, Jeanskutten- und Holzfällerhemden tragende Schwermetaller, Alternativefans, Dusterheimer, Yuppies und Gothics zusammen mit blutjungen Groupies gemeinsam ihre Party feiern, dann muss die Band auf der Bühne im wahrsten Sinne des Wortes außergewöhnliches leisten oder sie heisst schlichtweg - Kissin´ Time! Der einstudierte Gag von Gitarrist Matthias, gleich mehrere Salven aus seiner Sechssaitigen ins Publikum abzufeuern, gehört zu den weiteren unentbehrlichen Gimmicks im Repertoire.
Drummer Eric »Mike« Carr (The Fox) gibt eine kurze Kostprobe seines Könnens, ehe das vierköpfige Team sich voll und ganz dem Rest der Show hingibt. Jede noch so kleinste Pose der vier Recken auf der Bühne sitzt perfekt. Diese Jungs leben den Geist ihrer Vorbilder bis ins letzte Detail komplett aus! Kissin´ Time – das ist wahres Rock 'n' Roll-Show-Entertainment pur.
Wer vermisst an Abenden wie diesen auch nur im geringsten das Original, wenn es vier in Original-Schminke und Kostümen bekleidete Kasseler Hardrockheroen stilistisch mindestens genauso perfekt rüber bringen, wie ihre großen Idole aus den 70ern, die ihre Glanzzeiten schon lange hinter sich gebracht haben? You wantet the Best – and You ‘ve got the Best – der K u l t lebt!!!
Trockeneis und Schwefel heißen der Lunge beste Freunde, deren markanter Geruch und beißender Gestank dank des öfteren aktivierter Nebelwolken und diverser Pyros empfindlich in meiner Nase hängen bleibt. Spätestens damit weiß auch der Letzte, wie’s beim gehörnten Fürsten in der Hölle duftet – Febreze schimpft sich dort unten nämlich Schwefel! Frontzunge Andy »Gene« (The Devil) Simmons' kultiger Viersaiter, der Axtbass outet sich neben Ace »Matthias/Kreischi« Frehleys Leuchtgitarre nur einmal ganz nebensächlich bemerkt als echter Blickfang.
Unter frenetischen Beifallsstürmen des vom ersten bis zum letzten Takt abgehenden Publikums haben auch die vier Musiker viel Spaß an ihrem Gig und es wird die erwartet lockere, feuchtfröhliche Party, jene Fete, auf die scheinbar fast alle sehnsüchtig gewartet haben. Was wäre eine Kiss-Show ohne Stripeinlage? Definitiv nur halb soviel wert, ähnlich wie Gemüsesuppe ohne Salz und Sellerie.
Als Paul Stanley alias Kissin´ Time Fronter Paul »Thorsten« (The Starchild) Stanley zur Krönung den Strip des Abends auf der Bühne vollführt, dabei sein Top entblößt und lässig in die Menge wirft, gerät das bunte Volk vorm Bühnenrand komplett aus dem Häuschen (nein ..., nicht nur die jungen Mädels und etwas reiferen Damen ... - auch ein halbes Dutzend Kerle findet Gefallen dran!) Statt dieses nette kleine »Souvenir« gierig aufzufangen, ducke ich mich flott mal eben weg und überlasse es gern meinem Nachbarn in voller Montur und Kiss-Shirt neben mir, der sich anschließend tierisch drüber freut und sich das etwas knappe, saueng geschnittene Miniteil spaßeshalber gleich über seine Kutte streift, während wir uns ob dieses Anblicks gemeinsam vor Lachen ins Hemd schiffen ... Das ist wahrer Rock 'n' Roll! - Authentischer geht’s wirklich nicht mehr!
»Shout It Out Loud«, »Rock 'n' Roll All Night«, »Detroit Rock City« und die vom gesamten Saal mitgesungene 90er-All-Time-Smash-Hymne »God Gave Rock 'n' Roll To You«, lauten weitere unverzichtbare Klassiker des Zugabeteils, wobei die Band zum Erstaunen ihrer Fans auf einer Mini-Bühne posierend, den Set stilvoll ausklingen lässt.
Der ultimative Wahnsinn, definitiv durch nichts mehr zu toppen!!! Schade, dass leider auch Kissin´ Time gezwungen sind, ihren Set aus Zeitgründen etwas zu kürzen. Der Stimmung im bestens gelaunten Publikum, das am liebsten noch die ganze Nacht zusammen mit den vier sympathischen Musikern gefeiert hätte, tut dies nicht den geringsten Abbruch. Ein Auftritt, der selbst den großen Originalen locker das Wasser reichen kann! Kissin´ Time wurden ihrem Headliner-Status vollauf gerecht.

Nachdem die vier »Kissualisten« ihre beinahe einem Ritual gleichende Show erfolgreich hinter sich gebracht haben, bleibt es schließlich den Kasseler Thrash 'n' Rollern Burning Hellmet überlassen, auch die letzten, noch wenigen verbliebenen hartnäckigsten MoC Besucher mit einem lockeren Gig der fett in den Allerwertesten tritt zum Ausklang auf die Heimreise zu schicken.
Eigene Stücke wie das erdige »Rat 'n' Roaches« oder der kultige Titeltrack des Burning Hellmet-Minifünftrackers sowie Coverversionen (»Dirty Black Summer« von Danzig und eine etwas veränderte, dennoch unschwer erkennbare Tanzversion des Motörhead-Songs »Broken«) zeugen von Kreativität, Können und Geschmack.
Zum guten Schluss wird noch das Bonusbonbon »Eve Of Destruction« (im Original von P.F. Sloan geschrieben und von Barry McWire später eingesungen) auf dem Silbertablett serviert, - jener unverwüstliche Antikriegs-Protestsong, der bis heute als Evergreen auf Lebenszeit zur ultimativen Kampfhymne diverser Scharen von Althippies sowie nachfolgender alternativ geprägter Generationen wurde. Sänger Thorsten steigt dafür extra von der Bühne und hält den Fans gleich mehrfach das Mikro hin, die es sich konsequenterweise nicht nehmen lassen, die beliebte Saufhymne gemeinsam im Team ins Mikro zu gröhlen, während das Geträller vom überzeugten Protagonisten in aller Form dirigiert wird.
In Union we Stand! So schön kann Heavy Metal sein! Danach ist endgültig Schicht im Schacht und ein weiteres MoC-Festival mal wieder gelaufen, mit anderen Worten viel zu schnell vorbei. Müde und standesgemäß wie immer vollkommen fertig mit der Bereifung trete ich anschließend, mich vor der Rückfahrt noch einmal recht herzlich beim Veranstalterteam für einen weiteren sahnigen Event bedankend, schweren Herzens die Heimreise an, während der nächste Tag hingegen dem räudigen Mister Nackenwirbelmuskelkater samt seiner beiden gnadenlos brutalen, von Kompromissen meilenweit entfernten Wohlbefindlichkeitszerstörgehilfen Kopf- und Rückenschmerzen geschuldet ist, ehe sich meine Wenigkeit dem MoC-Bericht zuwendet.

Nachwort:

Für die wie immer passende Verarztung auf dem 4. MoC Festival in den Nachthallen sorgten eine prima Location, freundliches Theken-, Service- und Türsteherpersonal, alle freiwilligen Helfer, die Bühnen-Crew, Roadies, Techniker usw., der wie immer stets unverzichtbare Mann hinterm Hot-Dog-Stand - von Barbecue-Sauce, dem halben Dutzend anderer Saucen über Curry bis hin zu den Klassikern Senf, Ketchup, Majo sowie der vollen Ladung Bratzwiebeln war wieder alles dabei, was einen Hotdog angenehm schmackhaft macht.
Zahlreiche Bekanntschaften diverser Art sorgten für eine jederzeit entspannte Atmosphäre die für ein Festival solcher Größenordnung besonders unentbehrlich ist. Ein Riesenlob und ganz fettes Danke zum Schluss an das für Ausrichtung und Organisation des Festivals zuständige Veranstalterteam des 4. Masters-Festivals, bestehend aus Dirk Schneider, Johannes Rudolph und Dennis Hirth, das zum Weihnachtlichen Jahresausklang Nordhessens Heavy Metal-Szene in den Genuss eines abwechslungsreichen Events mit sahnigen Livebands und interessanten Leuten kommen ließ.
Prost und auf ein Neues im nächsten Jahr, wenn das fünfte Masters Of Cassel vor der Tür steht und ganz im Sinne des berühmten Mannes mit Renntierschlitten, roter Mütze und weißem Bart wieder einen prall bis oben hin gefüllten Sack hochkarätiger Geschenke bereit hält; doch seid gewarnt, - keine Spur von Pauken, Posaunen, Glockengeläut, Blockflöten, geschweige denn Trompeten: »Ein dumpfes Grollen lässt Nordhessen erbeben ...!« Macht hoch die Tür, das Tor macht weit, - es kommt die Zeit ...

Toschi

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Interviews:

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Interview: My Cold Embrace, 11.10.2002 Death-Metal muss richtig auf die Fresse hauen!
Interview: My Cold Embrace, 09.11.2004 Brutal sollte das Ding werden und brutal ist's geworden
Interview: Burden Of Grief, 28.03.2004 Wir haben die Musik geschrieben, die uns gefällt und die wir selber auch hören wollen
Interview: Burden Of Grief, 22.10.2000 ... über Alf kam ich zum Metal ...
Interview: Burden Of Grief, 22.04.2007 Death End Road
Interview: Burden Of Grief, 01.12.2001 Ein Interview mal etwas anders!

CD/DVD-Reviews:

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Live-Reviews:

26.12.2005: Masters Of Cassel-Festival (Kassel, Musiktheater)
16.07.2004 bis 17.07.2004: 5. Rocktown Open Air (Bebra, Biberkampfbahn)
26.07.2003: 2. Himmel Open Air (Hoof, Himmelwiese)
17.05.2003: Reaper (Kassel, Musiktheater)
11.07.2003 bis 12.07.2003: Rocktown Open Air 2003 (Bebra, Biberkampfbahn)
11.10.2003: Art Of Darkness Festival (Scherfede, Waldhütte)
08.08.2003 bis 09.08.2003: Fun & Crust V (Höchstenbach)
21.09.2002 bis 22.09.2002: Metal gegen Krebs (Neukirchen)
22.08.2002 bis 24.08.2002: Summer Breeze 2002 (Abtsgmünd)
01.12.2001: Meatgrinder, Rebellion, Burden Of Grief, The Atmosfear, Die Apocalyptischen Reiter (Jufi, Duderstadt)
15.09.2001: Art Of Darkness Festival (Waldhütte Scherfede)


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