Live-Reviews

3. Masters Of Cassel-Festival

25.12.2007, Kassel, Nachthallen

Zunächst hält dieser Abend eine traurige Nachricht bereit: Die Belgier In Quest halten es für nötig, dem Veranstalter buchstäblich erst in allerletzter Minute abzusagen, wodurch keine Möglichkeit mehr besteht, kurzfristig noch für Ersatz zu sorgen. Unabhängig davon lassen sich weder das feierwütige Metalvolk noch das Veranstalterteam die Laune verderben, wodurch metallische Weihnachten und ein erneut schöner Abend im Kasseler Nachthallen-Express garantiert sind. Da wir erst gegen 18:00 Uhr in Kassel eintreffen und es bis dato noch ein wenig dauert, bis wir unseren Parkplatz gefunden haben, gehen mir Destination Chaos an diesem Abend zunächst einmal durch die Lappen. Was für ein Auftakt! Schwamm drüber, und nach vorn geschaut: Schade, aber leider nun mal nicht zu ändern ...

White Dwarf folgen mustergültig pünktlich um 18:30 auf Destination Chaos. Zwar findet die Band mit ihrer Mischung aus klassischen Heavy Metal, Power/Progmetalklängen durchaus Gehör beim Publikum, kann jedoch an diesem Abend im Kasseler Musiktheater kaum etwas reißen. Obwohl der White Dwarf-Fronter des öfteren versucht, das Publikum zu pushen, tut sich vor der Bühne allenthalben recht wenig. Immerhin finden sich schon mal einige Nasen vor den Brettern ein, um den halbstündigen Auftritt der Band zu genießen. Durchschnittlich, mehr aber auch nicht.

Bei den folgenden Metalcorlern Downtime bietet sich dem Beobachter plötzlich ein ganz anderes Bild: Beherzt und mit viel Saft auf der Wumme gehen die Jungs sofort mächtig in die Vollen und bringen das Publikum dank mörderischer Gitarrenwände und druckvoller Geschwindigkeit in Bewegung. Innerhalb weniger Minuten hat sich das MT prächtig gefüllt. Ein im übertrieben aufgeblasenen Kostüm agierender Weihnachtsmann (oder war's vielleicht eine druckluftverpackte Bowling-Kugel?) gibt sich während des Sets vor der Bühne unverblümt zum Wohlgefallen vieler BesucherInnen den Freuden des Pogens hin.
Innerhalb der nächsten Sekunden bricht im Mosh-Pit derart die Hölle aus, dass zahlreiche Matten und Leiber wild durcheinander fliegen. Von allen Seiten stürmen Fans aufeinander los, der Weihnachtsmann bekommt ebenfalls ein ganz dickes »Päckchen« von der heran stürmenden Meute ausgeteilt, ehe das bizarre Spektakel bereits nach wenigen Minuten sein Ende nimmt. Downtime spielen sich vor anschaulicher Kulisse wie berauscht die Seele aus dem Leib und fesseln dabei überraschend nicht nur ausschließlich jüngeres Publikum. Die gut beim Publikum punktende Band kann fast über die gesamte Spielzeit ihres Gigs auch zahlreichen älteren Semestern der hiesigen Old-Shool-Bangerschaft, ein unverkennbares Lächeln und Staunen entlocken szeneübergreifend, Brücken bauend und absolut verbindend.
Mit anderen Worten zusammengefasst: In union we stand! Metal ist keine Frage des Alters, sondern des Zusammenhalts und der gemeinsame Freude an guter Musik. Prädikat: Wertvoll!

Orden Ogan müssen aus improvisationstechnischen Gründen, weil durch den Ausfall von In Quest das Billing ungeplant über den Haufen geworfen, ein wenig durcheinander geriet, bereits als vierte Band auf die Bühne. Die Band scheint anfangs für's Gros des Publikums etwas deplaziert im Billing, bietet aber einen restlos überzeugenden Gig in den Nachthallen. Über Ersteres ließe sich vor allem wenn es darum geht, bunte Farbtupfer ins Festival einzubringen, mehr als kräftig streiten. Aus meiner Sicht war die Band einfach nur brilliant! Den Fans, die mit Orden Ogan etwas anfangen können, geht dieser Umstand schlichtweg sonstwo vorbei. Jeden gespielten Ton, jede Silbe und jede Note und die des öfteren zum Träumen hinreißenden atmospärischen Parts genießend, feiern die wenigen, um so tapferer vor der Bühne ausharrenden Fans die Classic-Romantik-Powermetaller im Kasseler MT ab.
Exoten haben's oftmals schwer, doch sei es, wie's ist: Orden Ogan haben an diesem Abend ein besonderes Extra als Trumpf im Ärmel: Eine nicht schlecht um gesetzte Coverversion des Running Wild-Klassikers »Riding The Storm« lässt alle Sicherungen außer Kontrolle geraten und versetzt nicht nur mich ins Staunen. Selbst die nach Downtime weitaus geringere Zuschauerresonanz ändert kaum etwas an der immens ehrlichen Leidenschaft, mit der die ihr Programm ganz im Stile alter Hasen durchziehende Band während des knapp einstündigen Sets ihr kleines, den erlesenen Klängen Powermetalgeprägter Mucke inbrünstig zugetanes Klientel in wahre Freudenausbrüche versetzt.
Ungeachtet der zahlenmäßig beinahe etwas zu geringen Resonanz: Toller Gig, - für mich das Highlight des Abends! Danach gönne ich mir amtlicherweise eine große Milch im 0,5er-Glas, um mich bei Kräften zu halten. Zu wenig Schlaf macht sich irgendwann selbst beim Unermüdlichsten bemerkbar.

Dass bei den anschließend folgenden Metalcorlern Gutlock der Platz vor der MT-Bühne wieder mächtig gefüllt sein würde, verwundert wirklich kaum. Die Guxhagener Metalcore-Band ist längst kein unbekannter Geheimtipp mehr. Zahlreiche Auftritte und fleißiges Touren (u. a. auf dem W.O.A.) innerhalb der letzten zwei Jahre hinterlassen zweifellos ihre Spuren. So auch bei den sympathischen Jungs von Gutlock, (an dieser Stelle ein dicker Gruß an Simon!) die heuer mindestens zwei ganze Ligen höher spielen als zu ihren Anfängen. Der motiviert und wie immer von seinem Können überzeugte, selbstbewußt das Bühnenplateau betretende Fünfer feuert straight, heavy und sicher bündelweise Metalcore-Breitseiten ins Publikum, legt einen restlos überzeugenden Gig auf die Bretter und zeigt gekonnt, wie ein Mosh-Pit in aller Regel funktioniert, bzw. zum Schwitzen gebracht wird. Massenhaft positive Publikumsreaktionen sind schwer verdienter Lohn dafür. Die Jungs befinden sich definitiv auf dem richtigen Weg. - Prima!

Today Forever ziehen heute Abend ebenfalls ein breitgefächertes Publikum vor die Bühne. Mit ihrer eigenwilligen Mischung aus Nu Metal/Crossover und Metalcore erfreut sich die Jungs kaum geringerer Fanresonanz als zuvor Gutlock. Der häufig bunt durcheinander gewürfelte Hupfdohlen-Sound ist definitiv überhaupt nicht meine Tasse Tee. Irgendwie fehlt mir die musikalische Linie bei derartig verschachtelter Tonkunst. Fairerweise muss der Band ein resonanzmäßig recht prickelnder Gig bescheinigt werden, was nicht zuletzt der Präsenz des permanent wie ein aufgezogenes HB-Männchen auf der Bühne herum hampelnden, fast ausschließlich im Quadrat über sämtliche Bretter springenden Brüllwürfels von Sänger zu verdanken ist, der in einem Mix aus derwischartigem Herumgehopse, wilden Gebärden und grellen Brutalo-Screams in beachtlicher Lautstärke des Publikums Aufmerksamkeit gewinnt. Welch ein Organ! Nach etwa der Hälfte des Today Forever-Gigs befällt mich der Hunger, nun ist es an der Zeit für einen Hot Dog, der zweite soll kurz vor der Heimfahrt folgen ...

Mattenflugzeit bei Debauchery! Die Jungs aus Süddeutschland sind sich ihrer Favoritenrolle an diesem Abend in den zur besten Abendzeit ordentlich gefüllten Kasseler Nachthallen vollauf bewusst. Routiniert mit viel Spaß inne Backen serviert die Truppe aus Süddeutschland fetten Deathmetal ohne Kompromisse im Musiktheater. Zwar wirkt der schlanke Sänger mit Tattos, Kurzhaarfrisur und blutbesudelt schmaler Brust zuweilen etwas posermäßig, allerdings gleicht das fleißige Energiebündel am Bass dieses Manko mit enormer Spielfreude und lustigen Ansagen aus, weshalb einmal mehr die alte Binsenweisheit greift, dass wahre Einstellung zur Musik entscheidend ist und weder die Frisur noch irgendwelche anderen optischen Belanglosigkeiten darüber hinweg täuschen können, dass echte Härtnerfans mit Herz und Verstand bei der Sache sind, wobei es völlig piepegal ist, ob man lange, mittlere, kurze, dicke, dünne, grüne, rote, blaue, gelbe, lilane, rosane, schwarze, braune oder gar keine Haare auf dem Kopf trägt.
Debauchery bringen mit druckvollen Riffs, donnernden Bässen und kraftvollem Drumming, sowie der Stimme ihres Sängers plus lockerer Bühnenpräsentation zahlreiche Matten zum Fliegen. Es gelingt der Band an diesem Abend, ein gemessen an MT-Verhältnissen unerwartet hohes Stimmungslevel aufzufahren und komplett auf ganzer Linie abzuräumen! Als dann noch die blonde Freundin des Sängers halbnackt auf der Bühne herumstolziert und einen kurzen, für einen Teil der Fans um so arschgeileren Strip hinlegt, (Puuuh, was hatte die für'n Fahrgestell!, werden sich nicht wenige in diesen lichten Momenten gedacht haben) ist es um zahlreiche Männerherzen geschehen.
Die Resonanz im nicht nur überwiegend männlichen Publikum, das der lockeren Einlage ebenso wie überraschend ein Teil der erstaunten weiblichen Belegschaft im Publikum wohlwollend gegenübersteht, gibt der hübschen Blondine recht, die übrigens an beiden Pobacken tätowiert ist. Nun ja, wem's gefällt ...??? Debauchery freuen sich über die tolle Resonanz im MT, geben alles und werden durch frenetisch abgehende Fanscharen vor der Bühne belohnt. Inwiefern sich das an diesem Abend für den T-Shirt-Verkauf rentiert hat, entzieht sich meiner Kenntnis.
Am Ende kommt das Debauchery Debüt »Rage Of The Bloodbeast« verstärkt zum Tragen. Die beiden Schlußtracks haben's in sich »Kill, Maim, Burn« (!) vom Debüt »Rage Of The Bloodbeast« wird aus voller Kehle mitgegröhlt. Lautstarke »Kill, Maim, Burn!, Kill, Maim, Burn, Kill, Maim, Burn!«-Fanchöre hallen vor der Bühne durch's MT und »Death Metal Warmachine« werden kräftig abgefeiert, ehe die mit ihrem Gig in Kassel restlos glückliche Deathmetalcombo aus Süddeutschland bester Dinge die Bühne verlässt. Sichtlich angetan von den ihr entgegen hallenden Publikumsreaktionen, bedanken sich Debauchery mehrere Zugaben bringend beim Publikum und hinterlassen anschließend eine zufriedene Fanmeute.

Danach lassen Reflector bestehend aus mehreren Kasseler Szenemusikern mit einer bunt gemischten Palette diverser Metalcoversongs oberamtlich kräftig die Metalsau von der Kette, und zum Schluß noch einmal richtig fette Party-Stimmung in den Reihen des verbliebenen kleinen, um so partygeileren Bangerhäufchens aufkommen. Zahlreiche Coverversionen kultiger 80er Jahre Faves wecken seelige Erinnerungen an alte Zeiten als Metallica (»Seek And Destroy«), Helloween (»Future World«), Kreator (»Extreme Aggressions«), Iron Maiden (»Aces High«), Running Wild (»Under Jolly Roger«) und andere der Metal-Szene unverkennbar ihren Stempel aufdrückten, Slayer (»Seasons In The Abyss«) dürfen im Reigen der Kultbands natürlich eben so wenig fehlen (schade, dass Motörhead nicht zu Ehren kamen ...!)
Als Weihnachts-Zugabe dröhnen Accept (»Fast As A Shark«), Ozzy Osbourne (»Bark At The Moon«), mit Dirk vom ausrichtenden M.o.C.-Team hinterm Mikro, der sich zuvor schon bei Kreators »Extreme Agressions« heiser die Seele aus dem Leib röhrte, - endgeil!!!) und Manowar (Black Wind, Fire & Steel!) durch die Verstärkerwände, und bringen auch die letzten Sicherungen des partykompatiblen Fanklientels vorm Bühnenrand zum völligen Durchglühen, selbst dem letzten, hartgesottenen Headbanger vor der Bühne der Kasseler Nachthallen nach allen Regeln der Kunst den Verstand raubend, womit das dritte M.o.C-Festival passenderweise einen würdigen Ausklang findet.

Vor der Heimfahrt genehmigen wir uns noch schnell einen Hot-Dog, um todmüde und zufrieden die Heimreise anzutreten. Statt massig viel Kirschsaft wie im letzten Jahr stehen diesmal nur ein Krefelder, zwei Hot Dogs und das rettende Glas Milch zu Buche.

Nachwort zum Festival:

Alles in allem hat auch das dritte Masters Of Cassel-Festival diverse interessante Einblicke in die nordhessische Metalszene gewährt und sich mittlerweile als unausweichlicher Termin im Kalender der nordhessischen Metalfancommunity etabliert. Jederzeit faire Preise für Essen, Getränke und Merchandise, gute Musik bei passender Atmosphäre und anregende Gespräche, sowie fundierter Informationsaustausch sind immer wieder rechtzeitig zum Rot-Weiß-Bommelmützenfest (könnte damit vielleicht Weihnachten gemeint sein? *grins*) einen Abstecher ins Kasseler Musiktheater, die Nachthallen wert.
An dieser Stelle vielen herzlichen Dank ans Veranstalterteam dieses immer wieder coolen Events und sogleich der Vorschlag für's kommende M.o.C.-Billing, - Bitte, bitte, bitte (!!!) einmal Kissin' Time?!?
Auf ein Neues, im nächsten Jahr, wenn es heißt: Weihnachten allerorten. Vorhang auf, Ring frei, nächste Runde: Das vierte M.o.C.-Festival öffnet zum Weihnachtsausklang seine Pforten!

Toschi

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Interviews:

Interview: Orden Ogan, 11.03.2008 eigentlich machen wir gar keine Experimente ... die Musik kommt so aus uns heraus

CD/DVD-Reviews:

CD-Review: Debauchery - Back In Blood
CD-Review: Debauchery - Torture Pit
CD-Review: Debauchery - Rage Of The Bloodbeast
CD-Review: Gutlock - In Conclusion The Abstinence
CD-Review: Caliban - The Awakening
CD-Review: Caliban - The Undying Darkness
CD-Review: Orden Ogan - Vale

Live-Reviews:

26.12.2005: Masters Of Cassel-Festival (Kassel, Musiktheater)
02.04.2004: Uncut Despite, Gutbucket, Havoc, Jack Slater (Kassel, K19)


Diese Seite wurde 2 mal kommentiert
Simon (19.02.2008 23:32:22)
Cooles Review..Danke dafür..



und nen dicken Gruß zurück ;-)



greetz
boom (27.04.2008 17:57:38)
hey ich find das review auch ganz gut gelungen.

ich persönlich fand "today forever" am besten,aber über geschmäcker lässt sich ja bekannterweise streiten.Das einzige was ich noch anders sehe ist,dass ich "today forever" eher im hardcore-genre ansiedeln würde.Aber ansonsten ist nichts zu meckern.leider konnte ich debauchery nicht mehr sehen:-(...

naja weiter so

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