Interviews

Endstille (13.07.2005)

Lieber Kapitän sein anstatt Decks zu schrubben

Die norddeutschen Endstille hinterlassen mit ihrem brandneuen, vierten Meisterstück »Navigator« nichts als verbrannte Erde. Nicht nur für Fans von Bands wie Gorgoroth oder Dark Throne ein mehr als gefundenes Black Metal Festmahl; bereit, die gesamte Black Metal Szene gehörig aufzumischen und sich kompromisslos an die Spitze zu setzen. Endstille blasen zum Sturm und überraschten mich mit einer Reihe interessanter Interviewantworten, die so gar nicht Black Metal typisch, sondern open-minded und natürlich rüber kommen. Mayhemic Destructor, seineszeichens für die »Artillerie« bei Endstille zuständig, sandte mir binnen weniger Stunden die folgenden Antworten zu:

Endstille sind meines Erachtens ein echtes Phänomen: Keine andere gegenwärtige deutsche Band ist binnen so kurzer Zeit zu einem wahren Kult-Act herangewachsen und zieht die Massen in Scharen an. Wie lautet euer Geheimrezept?

Keine Ahnung. Da gibt es kein Rezept. Wir machen einfach gute Musik.

Teilt ihr mit mir die Überzeugung, dass es von einigen guten deutschen Bands wie euch sowie Dark Fortress, Nagelfar oder Negator abgesehen kaum noch gute deutsche Black Metal Bands gibt? Kann man allgemein vom Niedergang der BM Szene sprechen oder findet hier eine Art »Gesundschrumpfung« der Szene statt?

Nagelfar ist ja leider Geschichte, dafür kommen aus dem Umfeld ja andere fette Bands wieder hoch. Zu nennen wäre da Ruins Of Beverast, das Projekt von Meilenwald (Ex-Drummer Nagelfar) und Graupel, die neue Band von Ex-Nagelfar Sänger Zingultus. Der Underground ist voll von Bands die Black Metal spielen, aber leider sind da nur wenige richtig gute Bands bei. Es gibt für meinen Geschmack da schon eine Übersättigung. Jeder hat heutzutage die Möglichkeit zuhause am PC aufzunehmen. Ist ja auch ok. Aber muss man trotzdem jeden Kram veröffentlichen? Einige sollten sich manchmal etwas mehr Zeit lassen und üben ...

Da stimme ich mit dir völlig überein! Zur vorhergehenden Frage bzgl. »Szene«: Was bedeuten euch überhaupt Begriffe wie »Szene« und »Underground« - Interessiert euch das, oder zieht ihr einfach nur blind euer Ding durch?

Mich interessieren Begriffe wie Szene und Underground nur wenig. Szenengehabe finde ich meistens extrem albern. Underground ist ein Begriff der für das steht womit jeder anfängt. Sobald man seinen ersten Release als Demo rausbringt dümpelt man im Underground. Ohne Underground würde es ja keine neuen Bands geben… Doch! Schön gecastete Bands aus'm TV. Klasse ...

»Navigator« hat abermals einen kalten, morbiden, rauen vor allem aber kriegslüsternen Charme, ohne auch nur im geringsten drucklos zu klingen. Für mich seid ihr ein stückweit die deutschen Gorgoroth und knüpft unmittelbar an eine Vielzahl skandinavischer Vorbilder an, ohne diese zu kopieren. Kann man im Black Metal eigentlich noch »neue« oder »moderne« Akzente setzen, oder ist einfach »der alte Stil« der einzig Wahre? Warum ist eigentlich die Jahreszahl 2013 auf dem Cover?

Man kann seinen eigenen Stil finden, haben und ausbauen. Ich selbst höre sehr viel verschiedene Musik und bin da sehr open-minded. Aber bei Black Metal sollte es schon sehr rein sein. Natürlich kann man auch Akzente setzen, und wenn es etwas avantgardistischer zugeht verstehen es die meisten wieder nicht. Der alte Stil, wie Du es nennst, ist nicht der einzig wahre, aber es ist bestimmt der beste.
Und wer sagt überhaupt, dass die 2013 eine Jahreszahl ist ...

Ihr fahrt abermals eure Anti-Drum-Trigger Kampagne fort. Warum verschreibt ihr euch so derart heftig gegen die neueste Technik? Ich stimme dem Argument zu, dass Trigger einer Scheibe die Dynamik rauben können, bzw. dass diese nachträglich von Hand eingestellt werden muss, dennoch denke ich, dass das Trigger System auch seine Reize hat und man gerade bei superschnellen Ballerparts eine extrem genaue Feinabstimmung vornehmen kann. Warum also der große Trigger Wind?

Durch Drumtrigger kann der letzte Stümper ein grandioser Drummer werden. Man drückt später am PC einfach quantisieren und schon isses gerade. Ich finde es persönlich einfach besser, wenn es ehrlich ist. Wenn man nicht alles raushören kann, dann ist es halt so. Man wird nun mal lauter und leiser. Das andere hört sich für mich an wie ein Techno Schlagzeug. Ich finde es auch absolut respektlos den Leuten gegenüber, die mit sehr viel Herzblut und einer ganz bestimmten Philosophie Schlagzeuge bauen und versuchen, aus den Holzarten den geilsten Sound rauszuholen. Hör Dir doch mal alte Led Zeppelin Scheiben an. Das Schlagzeug von John Bonham ballert so dermaßen, und er hat auch keine Trigger benutzt.

Hm, da hast du nun auch wiederum Recht. Es sind halt verschiedene Prinzipien: Entweder man setzt auf ein elektronisch frisiertes knallendes Endprodukt oder man überzeugt durch einen gnadenlos ehrlichen und dennoch extrem energiegeladenen Stil wie Endstille. Kommen wir zum Booklet, welches abermals eher spartanisch, dafür stilecht in schwarz/weiss gehalten ist. Warum gebt ihr so wenig von den Lyrics preis und verwendet derart provozierendes Fotomaterial der Weltkriege? Was bedeutet euch Krieg? Habt ihr eigentlich Wehrdienst geleistet? Ist euch das überhaupt wichtig?!

Die Lyrics von L. Wachtfels werden abgedruckt. Iblis hat keinen Bock darauf seine Lyrics zu veröffentlichen. Die sind zu persönlich. Das restliche Artwork passt sehr gut zur Musik und beschreibt die Atmosphäre der Songs. Krieg ist allgegenwärtig. Er umgibt uns jeden Tag ...

Darf/muss oder kann sich eine Band politisch äußern? Ich wage zu behaupten, dass euer Auftreten zumindest das unwissend ungeschulte Normalo-Auge und Ohr provozieren könnte und sich Fragen auftun. Mir ist wohl weißlich bekannt, dass ihr glücklicherweise mit brauner Soße nichts am Hut habt, aber dennoch: Wo und wie findet bei euch die klare Abgrenzung zum braunen Sumpf statt? Ist euch eine Abgrenzung überhaupt wichtig? Seid ihr des öfteren Rechtfertigungsfragen ausgesetzt?

Nur weil wir Bilder vom ersten und zweiten Weltkrieg benutzen muss man sich doch nicht rechtfertigen, oder? Muss sich Guido Knopp jedes Mal rechtfertigen wenn er eine Sendung über Atze bringt? Wir distanzieren uns immer und überall vom braunen Sumpf, da wir in jedem nur erdenklichen Interview mit dieser Frage konfrontiert werden. Die Band hat definitiv noch nie irgendwelche Symbole verwendet und hat keinen politischen Auftrag. Wir sind Musiker und machen Musik. Feierabend!

OK! Euer Label Twilight hat mit euch wohl den zugkräftigsten und allerdicksten Fisch an der Angel. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen? Werdet ihr auch weiterhin mit Twilight kooperieren? Seid ihr mit deren bisheriger Arbeit zufrieden? Ich kann mir gut vorstellen, dass sicherlich eine Reihe von Labels versuchen euch abzuwerben ...

Twilight kam nach dem Demo Album »Operation Wintersturm« auf uns zu. Wir hatten dann erstmal einen Vertrag für ein Album. Nach »Frühlingserwachen« haben sie uns prompt einen neuen Vertrag über drei weitere Alben angeboten. Da wir mit Twilight sehr zufrieden sind (es besteht eher ein freundschaftliches als geschäftliches Verhältnis) haben wir den Vertrag abgeschlossen. Klar bekunden immer wieder irgendwelche zum Teil namhafte Labels uns da abzuwerben, aber die Angebote waren bisher nie so interessant. Twilight hat bisher die besten Konditionen für uns auf den Tisch gelegt. Sie hängen sich ja auch voll für uns mit rein. Und lieber Kapitän auf einem recht kleinen aber immer größer werdenden Kutter, als Deck schrubben auf einem Flugzeugträger ...

Ha ha, schöner Vergleich! Werdet ihr denn euren unglaublichen Turnus einer alljährlichen Veröffentlichung beibehalten? Vier Alben in vier Jahren sind schon ein achter Kraftakt! Seid ihr so schnelle Songschreiber? Wie laufen Songwriting Prozesse bei euch ab?

Wie und wann das nächste Album entsteht weiß keiner, wenn genug Material da ist und das Gefühl aufkommt »das ist das Album«, dann gibt es die nächste Scheibe. Ganz einfach. Das kann diese Jahr sein oder auch erst in zehn Jahren. Mir ist's relativ wumpe. Hauptsache wir proben. Alle Songs entstehen ja auch beim Proben, also es gibt da keinen Songwriter der alles bestimmt. Die Gitarrenriffs kommen von L.Wachtfels, was wir dann damit machen hat jeder selbst zu entscheiden. Deshalb ist jeder Part auch so energiegeladen ...

Gibt es noch unveröffentlichtes Material von euch oder Singles? Ist euer altes Demo noch zu haben?

Das alte Demo ist nicht mehr zu haben. Und unveröffentlichte Sachen gibt es von uns auch nicht. Alles was wir gemacht haben, wurde auch aufgenommen ...

Was haltet ihr vom guten alten Vinyl im Vergleich zur CD? Wird es jemals eine Endstille DVD geben?

Vinyl ist sehr geil. Wir sind alle mit Vinyl groß geworden. Damals sagte man ja nur LP, aber heute muss man Vinyl sagen, da man sonst ja missverstanden wird. Bisher gab es ja auch jede Veröffentlichung auch auf Vinyl. »Navigator« wird auch als Vinyl erscheinen, aber aus Geldmangel leider erst etwas später. Da muss man sich also gedulden ... Ob es jemals eine Endstille DVD geben wird? Keine Ahnung, darüber haben wir uns noch keinen Kopf gemacht.

Mit welchen Bands würdet ihr gerne mal zusammen spielen? Sind weitere Tourneen in Zukunft geplant?

Slayer, Venom, Endstille ... das wär mal watt. Mit Voivod würde ich gerne mal spielen, Voivod ist für mich seit jeher die geilste Band, auch wenn das letzte Album eher schwach war. Im Januar ist ne Europatour geplant, was, wann, wie und ob überhaupt wissen wir noch nicht.

Aus welchen ehemaligen Black Metal Bands kommt ihr eigentlich?

Iblis und Cruor haben früher bei Octoria gespielt. Die hatte ein selbstbetiteltes Demo auf Kassette rausgebracht. Wachtfels und ich hatten die Band TAUTHR, die 2 offizielle Demos rausgebracht hatte. Das erste hieß »Lead Us Mortals« und erschien 1996 in 100er Auflage auf Kassette. Das zweite Demo hieß »Dominanz in 998« und erschien 1998 in einer 100er Auflage auf Kassette. TAUTHR gibt es auch wieder und wird Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres die erste LP rausbringen.

Irgendwelche abschließenden Worte?

Wie immer. Gute Nacht, Fuck Hell!!!

Dirk

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CD-Review: Endstille - Dominanz
CD-Review: Endstille - Navigator

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