Interviews

My Cold Embrace (16.05.2008)

Neue Leute bedeuten richtig frischen, motivierenden Wind

Nach ihrem bislang besten Album das schlicht »Hausgeist« betitelt wurde, folgt nun das Interview mit My Cold Embrace, einer der wichtigsten Metalbands im Raum Kassel, die neben unverzichtbaren Größen wie Reaper, Mortal Terror, Burden Of Grief oder Belgarion schon seit geraumer Zeit einiges innerhalb der schwermetallischen Landschaft bewegt. Nach dem gelungenen fünften Album, das noch nicht allzu lange draußen ist, wurde es Zeit für eine neuerliche Bestandsaufnahme, schließlich liegt das letzte M.C.E.-Interview schon ein längeres Weilchen zurück. Seit dem neueren Line-up-Wechsel, der in jüngerer Vergangenheit erfolgte, hat sich eine Menge innerhalb der Band und ihrem Umfeld getan.

Hi Dirk, zunächst mal einen ganz besonderen Gruß an Dich und die gesamte Band My Cold Embrace und natürlich auch an die Death-Metal-Legion Kassel!

Moin Toschi, zunächst beste Grüße zurück und besten Dank für das Interesse und deinen jahrelangen Support! He, und Cassel schreibt man mit »C«!

Stimmt. Da ist mir in der Eile wohl glatt ein Tippfehler unterlaufen. – Shit happens!

Wo liegt der entscheidende Unterschied zwischen »Hausgeist« und euren Vorgängerscheiben, beispielsweise »Katharsis« oder »Zurück aus Hölle ...«?

Zum einen gibt es den personellen Unterschied, da auf »Hausgeist« Marco statt Timo an der Gitarre und Dennis Hirth statt Ernie am Gesang zu hören ist und beide bringen Individualität und neuen Ausdruck mit ins Spiel. Neue Leute bedeuten richtig frischen, motivierenden Wind, jedoch sind sich beide bei ihrem Einstieg sehr bewusst gewesen, um was es bei My Cold Embrace geht und welche Songvorstellungen und »Roots« wir haben bzw. bewahren wollen.
Beide haben sich da ganz intensiv drauf eingelassen und mit neuem Blick sondiert, wo eigentlich unsere wirklichen Stärken liegen, so dass das Songwriting von »Hausgeist« einerseits so abwechslungsreich wie noch nie war, andererseits aber auch ein derart roter und verbindlicher Faden noch nie da war. Ich denke wir haben es dieses Mal wirklich endlich auf den Punkt gebracht, Death Metal mit Melodie, Brutalität, Thrash, Crust, Black und traditionellem Metal so zu kreuzen, dass alles ganz logisch, knackig und auf den Punkt kommt und überschaubar bleibt.

Ist die gesamte Band am Songwriting beteiligt oder gibt es eine bestimmte Person innerhalb der Band, bzw. bei euch, die speziell dafür zuständig ist?

My Cold Embrace Songs sind immer Gemeinschaftsgewächse. Vornehmlich bringen Drummer Dennis, Marco und ich Ideen und Songfragmente, Songs und Riffs mit, mit denen wir dann intensiv spielen, sie zerlegen, sie in unterschiedlichen Stimmungen, Tempi spielen, den Rhythmus verändern, kurzum: Wir testen jede Idee auf Herz und Nieren, zersägen und verwerfen sie, fügen sie neu zusammen, so dass am Ende jeder in jedem Song einen Teil von sich entdecken und hören kann.
Das dauert zwar dadurch vom Songwriting her länger, dafür können sich dann aber alle damit identifizieren. Grundsätzlich bin ich eher der Mann fürs Stumpfe, Grobe und Brutale, Drummer Dennis ist der filigrane Akkordverheizer und Melodiefreak und Marco der Vermittelnde mit starken eigenen Thrash und Old School Ideen. Tims Stärken liegen in Rhythmik, Break- und Songstrukturideen, was für den roten Faden erheblich wichtig ist. Sänger Dennis versucht mit seinen Texten immer ganz genau an der »Dramatik« eines Songs anzuknüpfen, um gezielt mit intelligenten Texten Spannung aufbauen zu können und sich vor allem rhythmisch auszutoben. Wer genau hinhört wird feststellen, dass wir von stumpfem Gebrüll weit weit weg sind.

Warum seid ihr nach Schweden gegangen? Sicher nicht, um dort mal ein paar Bierchen zu zischen ..., welche Beweggründe gab es für diesen Schritt und wie seid ihr überhaupt an Scar Symmetry-Gitarrist Jonas Kjellgren, der euer Album produziert hat, gekommen?

Jonas hat früher bei Centinex Gitarre gespielt. Bereits 1999 haben wir als Support von Centinex in Kassel gespielt. In mittlerweile neun Jahren ist da eine herzliche, gute und feste Freundschaft draus geworden und nachdem Jonas unser »Katharsis« Album nur gemastert hatte, wurde es Zeit für mehr, so dass er »Hausgeist« nicht nur gemastert sondern auch gemischt hat, was der CD unglaublich gut getan hat. Er hat mächtig viel Druck und Brutalität herausholen können, wow. Er ist eben kein Unbekannter und mit seinen Arbeiten für Scar Symmetry, Sonic Syndicate, Katatonia usw. ist er einfach für beste Schwedenqualität bekannt und berüchtigt.

Wodurch seid ihr erst auf diese Idee gekommen und wer hat den Kontakt zu Jonas Kjellgren hergestellt? Hängt es vielleicht damit zusammen, dass ihr schon lange ein Faible für schwedischen Melodic-Deathmetal a la In Flames, Dark Tranquility, Soilwork, Disarmonia Mundi oder eben auch Scar Symmetry habt?

Siehe oben: Ich treffe Jonas mindestens einmal im Jahr irgendwo und wir telefonieren auch regelmäßig, da musste gar nichts gross arrangiert werden, wir sind eh im Dauerkontakt und ich gebe mir seit Jahren Mühe, die große Schwedenfamilie seiner Bands, Kollegen und Kumpels zu supporten.
Da gehören Centinex dazu, Grave, Demonical, Uncurbed, Carnal Forge, Regurgitate und viele weitere. Wir von MCE sind alte Säcke und mit dem frühen (US-, Schweden und anderem) Death Metal aufgewachsen, da gehören die von dir genannten Bands auch mehr zur zweiten bzw. dritten Generation. Wir hören Schwedentod aber schon seit der ersten Welle in den frühen Neunzigern, lieben aber die neueren Sachen ebenso, nur dass wir nichts und niemanden kopieren. Wir sind keine Schwedencombo, sondern »nur« Deutsche mit besten Kontakten nach Schweden und einem Faible für schwedischen Metal.

Und jetzt mal kurz etwas zur Auflockerung ...
Welche fünf wichtigen Metalscheiben dürfen laut deiner Ansicht in keiner gut sortierten Metal-Sammlung fehlen?

Da ich über 6200 Schallplatten und CDs besitze, fällt gerade mir diese Frage besonders schwer. Ich denke aber, dass Bathory mit »Hammerheart« Pflicht sind. Slayer mit »Reign In Blood« gehören dazu. Metallica und Testament sowie Overkill müsste ich auch erwähnen, Mist! Vielleicht noch At The Gates mit »Slaughter Of The Soul«, Iron Maiden mit der »7th Son …« und last but not least sicherlich noch Unleashed mit »Across The Open Sea«.
Jetzt habe ich nicht eine Black Metal Scheibe erwähnt und keine Crustband, Kacke. Beschissene Frage, ich bekomme hier Stress! Also Disrupt, Wolfbrigade, Dark Throne, Phobia, Cannibal Corpse, Morbid Angel, Hatesphere und Napalm Death (»Harmony Corruption«!! Yeah!) muss ich auch noch erwähnen, puh …

Die Texte haben's ganz schön in sich, was ja eigentlich nichts Neues bei My Cold Embrace ist. Dafür wart ihr schon immer sehr provokativ. Wie kommt es, dass ihr diesmal ziemlich heftige Texte über suicidgefährdete Menschen oder Augenblicke des Todes verwendet habt?

Texte und Cover stehen logischerweise ebenso wie die Songreihenfolge in einem Zusammenhang. In unseren Köpfen schwirren Geister, Stimmen ebenso wie Sorgen und Ängste herum und manchmal droht man die Basis und den Halt zu verlieren und sich von sich selbst zu entfremden.
Die Texte auf »Hausgeist« haben einen sehr persönlichen Charakter und umreißen einerseits gesellschaftliche, auch politische und vor allem persönliche Sorgen wie gescheiterte Freundschaften etc., die als Ausweg auch Gewalt und Tod mit allen Konsequenzen heraufbeschwören können, zum anderen aber auch versöhnliche und positive Elemente beinhalten.
Jeder wie auch du, der sich mit den Texten und dem Konzept beschäftigt, wird für sich Bezugspunkte finden und (anders) interpretieren können. Prinzipiell waren uns einfach bloße Gemetzel- und Bluttexte schon immer zu profan. Der realitätsbezogene, kritische und provokative Blick (auch mit Humor) hat uns schon immer irgendwie ausgezeichnet und jeder weiß, dass wir eine Band sind, die das Maul aufmacht, wenns zum Beispiel um rechtsradikale Arschlöcher, die US Kriegstreiberei usw. geht. Insgesamt haben wir da doch eine bunte, realistische und kritisch brutale Textmischung hingelegt, die den ein oder anderen immerhin beunruhigen sollte!

Würdet ihr, wenn sich die Gelegenheit ergibt, irgendwann wieder in Schweden aufnehmen?

Die Produktion eines Albums umfasst drei Schritte: Das Aufnehmen haben wir in Kassel und Göttingen erledigt. Das kann man mittlerweile überall. Nur Schritt zwei, das Mischen, und Schritt drei, das Mastern, das haben wir in Schweden erledigt, weil wir da am meisten Potenzial und Professionalität herausholen konnten.
Wir träumen aber schon davon, bei Jonas auch mal die Aufnahme selbst zu machen und wirklich alles in seine Hände zu legen, aber wer soll das alles bezahlen, die Leute tun sich doch schon schwer mal faire 8 Euro für deine CD hinzulegen, obwohl sie randvoll mit professioneller Mucke, Videos, dickem Booklet und allem anderen Schnickschnack ist. Es fällt schon schwer, sich da wenigstens teilweise zu refinanzieren und es ist bitter, dass die Leute nur noch beschissene MP3 auf ihrem Rechner sammeln.
Ich habe früher Tapes getauscht in den 80ern und kaufe immer noch Vinylscheiben und gehe viel auf Underground Gigs, das kann doch heute kaum einer mehr von dieser virtuell denkenden und häufig zu Hause sitzenden Generation junger Metaller verstehen. Viele denken nur noch in Dateigrößen und befummeln Cover bestenfalls am Monitor. Irgendwann kann keine Band mehr aufnehmen, weil niemand mehr die Szene durch CD Käufe supportet, dann werden auch die Konzerte noch viel teurer, bis dann mal alles zusammenbricht und vor die Hunde geht.

Das klingt jetzt vielleicht wie eine Scherzfrage, ist aber durchaus ernst gemeint: Könntet ihr euch vorstellen aus purer Laune einige Nummern von Johnny Cash zu covern?

Wir nehmen im Sommer eine Nasum Coverversion für einen Tributsampler auf, bei welchem auch Bands wie Misery Index, Phobia, Brutal Truth, Aborted oder Heaven Shall Burn am Start sind. Wir spielen dabei unsere erste Coverversion überhaupt, das ist etwas völlig Neues für uns, ha ha. Aber Johnny Cash? Warum nicht, den hören wir auch privat oder auf Fahrten zu Konzerten, Johnny rules! Muss nur mal jemand einen Johnny Cash-Metal Tributsampler planen!

Welches Bier mögt ihr am liebsten?

Na ganz klare Kiste: Im Proberaum gibt’s immer nur Paderborner Pilsener und Hansa Export!

Das neue Material wird sicher auch live gut ankommen. Wie denkt ihr darüber?

Die meisten unserer Songs haben wir live schon getestet. Nicht all unser Material ist wirklich beim ersten Hören zugänglich aber trotzdem: Bei den neueren Sachen haben wir witzigerweise festgestellt, wie gut diese gegen jedwede Erwartung live funktionieren und für Dampf sorgen. Also werden wir in die Zukunft verfahren wie immer: Wir bringen alles wenigstens einmal auf die Bühne und schauen, welche Songs dauerhaft in unserem Liveset überleben, weil sie für Menschengulasch vor der Bühne sorgen. Mittlerweile haben wir so viele Songs, dass es schwierig ist den Überblick über alle fünf CDs zu haben und zu überlegen was wir spielen.

Wer dürfte eurer Meinung nach nie eine Gitarre benutzen oder in die Hand nehmen und welchen Musiker würdet ihr gern mal als Gast in eurer Studio einladen, um einen gemeinsamen Song zu produzieren?

Niemals eine Gitarre in der Hand? Dieter Bohlen ganz sicherlich! Ins Studio einladen, schwierige Frage … Ich ganz persönlich würde gerne einmal mit In Flames arbeiten und von ihnen lernen wollen. Wobei momentan Cataract oder Black Dahlia Murder auch als Gäste sehr willkommen wären, da unsere ganz neuen, noch nicht aufgenommenen Songs noch mal einige Schippen schneller, komplexer und brutaler sind …

Die letzten Worte gehören euch. Wollt ihr speziell jemand bestimmten grüßen oder etwas ganz dringendes loswerden, vielleicht ein kleines Statement? Jetzt habt ihr die Gelegenheit …

Ich grüße all jene, für die Underground und Metal Szene mehr sind als ein bloßes Lippenbekenntnis. Dank auch dir für die Treue und den jahrelangen Support. Das herzlichste Dankeschön geht aber an die Casseler Metalgemeinde: Wir sind immer noch völlig überrumpelt, dass einige hundert Metalheads bei unserer »Hausgeist« CD-Relaseparty in Kassel aufgeschlagen sind. Das war schon nicht mehr normal und keiner konnte mehr dort drinne stehen oder atmen: DANKE!

Danke für die Antworten und viel Glück auch weiterhin. – Metal to the Battle, Support the Underground!

Toschi

weitere Links
Interviews:

Interview: My Cold Embrace, 11.10.2002 Death-Metal muss richtig auf die Fresse hauen!
Interview: My Cold Embrace, 09.11.2004 Brutal sollte das Ding werden und brutal ist's geworden

CD-Reviews:

CD-Review: My Cold Embrace - ... zurück aus Hölle
CD-Review: My Cold Embrace - Katharsis
CD-Review: My Cold Embrace - Hausgeist

Live-Reviews:

25.12.2008: 4. Masters Of Cassel-Festival (Kassel, Nachthallen)
26.12.2005: Masters Of Cassel-Festival (Kassel, Musiktheater)
11.07.2003 bis 12.07.2003: Rocktown Open Air 2003 (Bebra, Biberkampfbahn)


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